Aktuelles von der Europa-Union Brüssel

Eine kleine Epoche geht zu Ende

Gründungsvorsitzender der Europa-Union Brüssel, Michael Koehler, blickt auf seine 12-jährige Arbeit im Vorstand zurück. Schon seinerzeit war die Arbeit vom Enthusiasmus der Mitglieder und ihrem kreativen Engagement geprägt. Über all die Jahre sind die Aktivitäten inspirierend geblieben, so dass er sich immer wieder von der Kreativität und vom Engagement der Vorstandsmitglieder und vieler weiterer Freunde aus den Reihen des Verbandes anstecken ließ. So ist der Brüsseler Verband der Europa-Union Deutschland ist über die vergangenen Jahre zu einer festen Größe geworden und hat sich etabliert

Liebe Mitglieder unseres Brüsseler Verbandes der Europa-Union Deutschland!

Im Herbst des letzten Jahres haben Sie den neuen Vorstand der Europa Union Brüssel unter der Leitung von Dr. Frank Hoffmeister gewählt. Für mich ging damit eine kleine Epoche zu Ende, sowohl für unseren Verband als auch für mich persönlich. Über zwölf Jahre existiert und gedeiht die Europa-Union nun schon in Brüssel, und diese ersten zwölf Jahre lang hatte ich die Freude und das Privileg, dieser dynamischen Vereinigung als erster Vorsitzender zur Verfügung zu stehen. Wie kam es dazu?

Anfang 2007 arbeitete ich als stellvertretender Kabinettschef im Mitarbeiterstab des EU-Kommissars für Maritime Angelegenheiten und Fischerei, Dr. Joe Borg, als mich Georg Becker, der damals Mitarbeiter von MdEP Rainer Wieland war, mit einer Gesprächsanfrage für seinen Chef kontaktierte. Rainer Wieland, damals noch nicht Bundesvorsitzender der Europa-Union Deutschland, aber schon treibende Kraft unter den proeuropäischen Europaabgeordneten, hatte den Gedanken, eine Brüsseler Gliederung der Europa-Union ins Leben zu rufen, um in Brüssel selbst junge Anhänger des Europa-Gedankens zu sammeln und für die Mitarbeit und der Europa-Union zu gewinnen. Zu diesem Zweck hatte sich bereits ein Gründungskreis zusammengefunden, der vor allem aus Assistenten von MdEPs und anderen jungen Proeuropäern aus verschiedensten weltanschaulichen und parteipolitischen Lagern bestand - Georg Becker war darunter eine treibende Kraft.

Im Juli 2007 sollte es nun zur formellen Gründung des Verbandes kommen, und dafür wurden ein Vorstand und ein Gründungsvorsitzender gesucht. Und so war man auf mich gekommen.

Es wird Sie vielleicht nicht überraschen, dass ich zunächst zögerte, dieser Aufgabe näherzutreten. Hat man nicht ohnehin schon genug zu tun? Ein Europa-Unionsverband in Brüssel: hieße das nicht, Eulen nach Athen zu tragen? Gab es in Brüssel nicht ohnehin schon ein überreiches Veranstaltungsangebot, nicht zuletzt seitens materiell und logistisch gut ausgestatteter Organisatoren wie der Ländervertretungen oder der politischen Stiftungen?

Ich gebe gerne zu, dass meine anfängliche Skepsis vom Enthusiasmus der Mitglieder des Gründungskreises und ihrem kreativen Engagement schnell hinweggefegt wurde. Europa-Union Brüssel hat von Anfang an Spaß gemacht, und es ist über all die Jahre inspirierend geblieben, sich von der Kreativität und vom Engagement der Vorstandsmitglieder und vieler weiterer Freunde aus den Reihen des Verbandes anstecken zu lassen. Und so war ich schnell entschlossen, dem jungen Brüsseler Verband, der sich in einer exzellent besuchten Veranstaltung im Juli 2007 in der Landesvertretung Baden-Württemberg konstituierte und seinen ersten Vorstand wählte, für zwei Jahre als Gründungsvorsitzender zur Verfügung zu stehen.

Dass daraus zwölf Jahre wurden, was sich am Anfang für mich gar nicht so absehen ließ, hat viele Gründe, von denen ich hier nur einige wenige aufzählen möchte:

Es besteht in Brüssel Gesprächsbedarf. Und zwar offenbar gerade auch in deutscher Sprache - auch wenn unser Verband auch immer einmal wieder etwas in Englisch anbietet, um unsere Referentenbasis erweitern zu können. Die Europäische Union ist spätestens seit der Erweiterungsrunde von 2004 in einem Krisenzyklus gefangen, der vom Scheitern des Verfassungsvertrages über die Immobilien/Schulden/Eurokrise seit 2008 zu den Migrationswellen seit 2015 und dem BREXIT seit 2016 reicht. Während uns die internationale Politik jeden Tag deutlicher zeigt, wie sehr es einer selbstbewussten, handlungsfähigen EU bedarf, um europäische Werte und Interessen von der Klima- bis zur Handelspolitik, von der Sicherheit- und Stabilisierungspolitik bis Technologie und Innovation international noch einigermaßen erfolgreich zur Geltung zu bringen, werden die Risse im europäischen Gefüge jeden Tag bedrohlicher: Stichworte Rechtstaatlichkeit, Migration oder auch europäische Energiepolitik. Darüber muss diskutiert werden. Dass unser Verband Gelegenheit bietet, mit Entscheidungsträgern und kundigen Beobachtern aus der ersten Reihe darüber überparteilich und ohne landsmannschaftliche oder weltanschauliche Vorprägung zu reden, ist ein Alleinstellungsmerkmal, welches sicher ein Erklärungsmerkmal für den Zuspruch ist, den unsere Arbeit über die Jahre gefunden hat.

 

Zum zweiten hat der Brüsseler Verband eigene Veranstaltungsformen und -reihen entwickelt, die typisch geworden sind und einen festen Platz im Brüsseler Eventmarkt gefunden haben. Schon sehr bald nach der Gründung haben wir mit den viermal pro Jahr durchgeführten Debriefings nach jedem regulären Europäischen Rat das Rückrat unserer Veranstaltungsaktivitäten gefunden. Seit Dr. Edmund Duckwitz, mit dem die Reihe der Debriefings begann, stehen uns dafür regelmäßig die jeweiligen Ständigen Vertreter der Bundesrepublik Deutschland bei der Europäischen Union als Referenten zur Verfügung, und mit ihnen auch immer wieder deutschsprachige Botschafter anderer EU-Mitgliedstaaten. Ein weiterer Klassiker unseres Veranstaltungsangebots sind die regelmäßig vor den Europawahlen angebotenen Diskussionen mit den Spitzenkandidaten oder Generalsekretären der deutschen Parteien im Europäischen Parlament oder der Bewerber für das Europäische Parlament. Auch sie ziehen erfahrungsgemäß sehr hohe Teilnehmerzahlen an. Und schließlich möchte ich die Praktikantenveranstaltungen und die Ypern-Fahrten nicht unerwähnt lassen. Über sie hat schon so mancher nicht nur viel Inhaltliches gelernt, sondern auch den Zugang zur Mitgliedschaft in der Europa-Union gefunden.

Schließlich scheint mir das Geheimnis unseres Erfolges auch gerade darin zu liegen, dass wir im besten Sinne Nichtregierungsorganisation sind. Es scheint Gott sei Dank vielen Menschen einzuleuchten, dass es sich gerade lohnt, einen Verband zu unterstützen, der nicht auf umfangreiche staatliche Mittel oder die Unterstützung einer politischen Gruppierung zurückgreifen kann. Von Anfang an haben wir darauf Wert gelegt, dass der jeweilige Vorstand möglichst breit aufgestellt ist - was Geschlechterbalance, politische oder weltanschauliche Orientierung, Altersschichtung oder berufliche Aufgabenstellung anbetrifft. Das ist immer gut gelungen.  Diese Pluralität, die gewiss auch sehr gut die Diversität in unserer 250-300 Personen starken Mitgliederschaft abbildet, ist für die Verbandsarbeit immer eine Quelle der Kreativität gewesen und macht für die tägliche Vorstandsarbeit einfach Spaß! Mit großer Dankbarkeit denke ich an die Beiträge der zahlreichen Mitglieder des Kernvorstandes (also erste, zweite Vorsitzende, Schriftführer, Schatzmeister), unserer informellen Generalsekretäre von Georg Becker bis Angela Schweizer und der vielen Beisitzer zurück, die seit der Gründung im Jahr 2007 ihre Zeit und Kraft in den Dienst unseres Verbandes gestellt und sich mit ihren Ideen eingebracht haben.

So ist der Brüsseler Verband der Europa-Union Deutschland über die vergangenen Jahre zu einer festen Größe geworden und hat sich etabliert. Unsere Mittel, auch die materiellen, sind begrenzt, aber wir haben immer wieder von der logistischen Hilfe der Bundesländer, der Ständigen Vertretung, des Goethe-Institutes oder einzelner Industrieunternehmen oder Verbände profitieren können. Ohne diese Partnerschaften wäre es schwierig gewesen, so viele zugkräftige Veranstaltungen auf die Beine zu stellen - dafür allen Vorstandsmitgliedern und allen unseren Partnern meinen ganz herzlichen Dank!

Europa bleibt weiter ein Paradoxon: ein Gebot der Geschichte, aber oft unverstanden, Friedenswerk und Wohlstandsgarant, aber von vielen ungeliebt, nötiger denn je angesichts der weltpolitischen Herausforderungen, heute aber bedrohter und angefeindeter denn je zuvor, nicht nur von Konkurrenten in der Welt, sondern leider auch durch eine namhafte Anzahl von Bürgern selbst, denen offenbar nicht klar oder gleichgültig ist, welchen Nutzen sie selbst ganz persönlich jeden Tag aus den Segnungen der europäischen Einigung ziehen.

Daher braucht es die Europa-Union, auch in Brüssel. Damit Europa diskutiert, hinterfragt, erklärt, verbessert und bürgernah gemacht wird. Damit die EU nicht als ungeliebtes Elitenprojekt vor sich hin kümmert, sondern von einer breiten Basis der Bürger angenommen und gefördert wird. Auch reformiert, modernisiert und wirkungsvoller gestaltet wird. 2020 beginnt mit der Konferenz zur Zukunft Europas nach dem Brexit ein neuer Abschnitt auf diesem Weg. Dabei sollte die Stimme der Europa-Union hörbar werden. Die Europa-Union, der Brüsseler Verband, können und sollen Foren sein, um das Feuer der europäischen Einigung in zahlreichen Sach- und Grundsatzdiskussionen am Leben zu erhalten und anzufachen.

Der neue Vorstand ist dafür bestens aufgestellt. Ich unterstütze ihn dabei als Ehrenvorsitzender des Brüsseler Verbandes der Europa-Union Deutschland auch in Zukunft sehr gern. Europa braucht Ihr Engagement, den Einsatz von uns allen - der Bürgergesellschaft.

Ihr

Dr. Michael A. Köhler

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